Gerundium, Gerundivum und Supinum
Vorneweg ein Trick für ND-Formen bei Latein-Deutsch-Übersetzungen:
1. ND-Form (egal welche) substantivieren
2. Alles, was an Nomina noch dazu gehört, im Genitiv hinten dran hängen
3. Ars epistulas scribendi = die Kunst des Schreibens der Briefe (nicht schön, aber ein richtiger Anfang)
Gerundium
- Definiert als Verbalsubstantiv.
- „Vertritt“ in den obliquen Kasus den (substantivierten) Infinitiv.
- Existiert (wie der Infinitiv) nur im Neutrum Singular.
- Formenbestand des Infinitivs + Gerundivums:
- Nom: scribere
- Gen: scribendi
- (Dat: scribendo)
- Akk: scribere / ad scribendum
- Abl: scribendo
- Anmerkung 1: Der Dativ des Gerundiums ist eher selten (z. B. mit der Phrase operam dare „sich Mühe geben bei etwas“ bei Plautus, in der Gesetzessprache, oder bei Tacitus, weil er’s kann).
- Anmerkung 2: Der Akkusativ des Infintivs scribere an und für sich ist scribere (Formgleichheit des Nom und Akk bei Neutra). Also scribere uolo „ich will schreiben“. Wenn der Akk aber wegen einer Präposition wie ad verwendet wird, steht das Gerundium.
- Das Gerundium kann dabei, wie jedes Verb, durch ein Adverb näher beschrieben werden: ars bene scribendi „die Kunst des Schönschreibens“.
- Ein Gerundium kann auch durch ein Objekt erweitert werden. Der Kasus des Objekts richtet sich hier nach der Valenz des verwendeten Verbs.
- Die korrekte Konstruktion erhält man also z. B. nach folgendem Vorgehen für „die Kunst des Briefeschreibens“:
- Schritt 1: Wie ist meine ND-Form an den Rest des Satzes angebunden? Abhängig von einem Substantiv (die Kunst / ars), also mit Genitiv.
- Schritt 2: Zuerst das Gerundium in den entsprechenden Kasus (von scribere hier also den Genitiv): scribendi
- Schritt 3: Dann weitere Objekte des Gerundiums nach der Valenz des verwendeten Verbs (von den Briefen hier also den Akkusativ, weil das Verb scribere mit Akkusativ steht): epistulas
- ars epistulas scribendi utilis est.
- Zum Thema Wortstellung: Normalerweise würde alles, was zur ND-Form gehört (Adverben, Objekte), vor der ND-Form stehen (epistulas scribendi). Von dieser „unmarkierten“ Wortstellung würde man i. d. R. nur abweichen, wenn man etwas besonders betonen möchte (das dann an den Fokus-Positionen im Satz: ganz vorne und ganz hinten).
Gerundivum
- Definiert als Verbaladjektiv.
- Tritt in allen Formen der a/o-Deklination auf.
- In der Spätantike (und in manchen Grammatiken bis heute) wurde das Gerundivum als Partizip Futur Passiv klassifiziert.
- Da das Gerundivum (als Adjektiv bzw. Partizip) immer ein Bezugswort braucht, zu dem es kongruent ist, kann es als Variante des Gerundiums mit weiterem Objekt eingesetzt werden.
- Das Vorgehen für „die Kunst des Briefeschreibens“ ist folgende:
- Schritt 1 (wie beim Gerundium): Wie ist meine ND-Form an den Rest des Satzes angebunden? Abhängig von einem Substantiv (die Kunst / ars), also mit Genitiv.
- Schritt 2 (anders als beim Gerundium!): Zuerst das Objekt in den entsprechenden Kasus (von den Briefen also den Genitiv): epistularum
- Schritt 3 (auch anders als beim Gerundium!): Dann das Gerundivum in KNG-Kongruenz zu dem soeben gebildeten Objekt, also zu epistularum im Gen Pl f: scribendarum
- ars epistularum scribendarum utilis est.
Gerundium oder Gerundivum?
- In einem Fall wie der Kunst des Briefeschreibens kann entweder ein Gerundium oder ein Gerundivum verwendet werden.
- Es gibt aber einige (mehr oder weniger wichtige) Fälle, in denen nur eins von beiden verwendet werden darf.
- Wenn das Objekt z. B. ein Pronomen oder Adjektiv im Neutrum ist, kann (aus Gründen der Eindeutigkeit) nur ein Gerundium verwendet werden.
- Beispiel: die Kunst, Wahres und Falsches zu unterscheiden (= die Kunst des Unterscheidens von Wahrem und Falschem): ars uera et falsa diiudicandi.
- Wichtig: Sobald eine ND-Form mit Objekt wegen einer Präposition verwendet wird, kann im klassischen Latein nur ein Gerundivum stehen. Der oben beschriebene Vorgang der Konstruktion funktioniert aber analog.
- Beispiel: Wir sind bereit zum Briefeschreiben.
- Schritt 1: notwendigen Kasus festlegen: parati sumus ad + Akkusativ
- Schritt 2: Objekt (Briefe) in den entsprechenden Kasus setzen: epistulas
- Schritt 3: Gerundivum in KNG an die Briefe angleichen: scribendas
- ad epistulas scribendas parati sumus.
- Ansonsten fällt die Entscheidung Gerundium oder Gerundivum oft nach ästhetischen Überlegungen, zum Beispiel um eine Häufung „schwerer“ Genitiv-Plural-Endungen zu vermeiden.
- Beispiel Ablativ, „das haben wir durchs Briefeschreiben erreicht“:
- Gerundium Schritt 1: Kasus festlegen: wodurch haben wir es erreicht? Ablativ
- Gerundium Schritt 2: Gerundium selbst in diesen Kasus setzen: scribendo
- Gerundium Schritt 3: Objekt nach Valenz des Verbs dazusetzen (scibere + Akkusativ): epistulas
- Ergebnis Gerundium: id epistulas scribendo adepti sumus
- Gerundivum Schritt 1: Kasus festlegen: wodurch haben wir es erreicht? Ablativ
- Gerundivum Schritt 2: Objekt in diesen Kasus setzen: epistulis
- Gerundivum Schritt 3: Gerundivum in KNG an dieses Objekt dazusetzen: scribendis
- Ergebnis Gerundivum: id epistulis scribendis adepti sumus
- Hier klingt das Gerundivum eindeutig besser.
Gerundivum mit esse
- Das Gerundivum kann auch mit esse verwendet werden. Es drückt dabei nach heutiger Grammatik eine passivische Notwendigkeit aus, das kommt aber aus dem Kontext (vgl. die spätantike Klassifikation als Partizip Futur Passiv: legendum = etwas das gleich gelesen werden wird = etwas, das gelesen werden muss)
- Wird das Ganze negiert, ist es kein Nicht-Müssen, sondern ein Nicht-Dürfen (vgl. Englisch „We must not read.“). Auch das kommt aus dem Kontext: etwas das gleich nicht gelesen werden wird.
- Das Gerundivum kann dabei im unpersönlichen Passiv stehen: legendum est „man muss lesen“ (im Neutrum Singular wie alle unpersönlichen Ausdrücke).
- Sobald ein konkretes Subjekt dazu tritt, wird, wie üblich im Lateinischen, persönlich konstruiert, d. h. das Gerundivum mit esse muss in KNG-Kongruenz zum Subjekt stehen.
- Die Bücher müssen gelesen werden: libri legendi sunt.
- Das Ganze ist analog konstruiert zum regulären Perfekt Passiv mit PPP in Kongruenz (die Bücher sind gelesen worden = libri lecti sunt).
- Weiterhin analog kann das Gerundivum legendus auch attributiv verwendet werden: liber legendus = ein Buch, das gelesen werden muss = ein lesenswertes Buch.
- Tritt ein Agens dazu (d. h. eine Person, die die Handlung ausführen muss), steht der Dativ („klassisch“ der Dativus auctoris, praktisch der Dativ als Kasus der Beteiligung, s. Folge zum Dativ).
- Ich muss die Bücher lesen: libri mihi legendi sunt.
- Aus Gründen der Eindeutigkeit kann bei Verben, die ein Dativ-Objekt haben, auch auf den ansonsten üblicheren Ablativ(us auctoris) ausgewichen werden.
- Du musst mir die Bücher geben: libri mihi a te dandi sunt.
- Nach Verben des Gebens, Übergebens, Bittens, etc. kann auch folgende Konstruktion vorkommen (nach Burkard-Schauer „finales Gerundiv“: libros tibi legendos do „ich gebe dir die Bücher zum Lesen (= als zu lesende)“.
- Hier geht auch (fast) immer die Alternative mit ad, dazu BS § 512: „Seltener wird die Konstruktion ad mit dem Gerundium verwendet (nicht bei curare). Diese Konstruktion findet sich v. a., wenn das Verb im Passiv steht, das Verb nicht zu den unter 1) aufgezählten gehört oder der Zweck betont werden soll.“
Supina
- Supina sind Überbleibsel von abstrakten Verbalsubstantiven auf –tus. Sie sind a) selten und b) nur in spezifischen Kontexten einsetzbar. Ihre Klassifikation hat in der spätantiken Grammatik einiges Chaos verursacht.
- Das Supinum I ist ein alter Richtungsakkusativ, der nach Verben der Bewegung zur Angabe des Zwecks dient. Sie kennen es auch aus dem Infinitiv Futur Passiv (iri + Supin, z. B. auditum iri „gehört (werden) zu werden“).
- Vgl. z. B. Ovid, Ars. 1.99 über die Gründe, das Theater zu besuchen: Spectatum ueniunt, ueniunt spectentur ut ipsae („Sie kommen, um zu sehen, sie kommen, um selbst gesehen zu werden“).
- Das Supinum I kann auch ein Objekt haben: pacem petitum uenerunt „sie kamen, um um Frieden zu bitten“.
- Das Supinum II ist (möglicherweise) ein alter finaler Dativ. Es endet üblicherweise auf –u und kommt nur nach bestimmten Adjektiven und festen Wendungen, z. B. mirabile dictu „wunderbar zu sagen“. Das fällt eigentlich nicht mehr unter Grammatik, sondern eher unter Wortschatz / Phraseologie.
- Das Supinum II hat nie ein Nomen als Objekt, dafür AcIs und indirekte Fragen: facile est intellectu, qua sis calamitate affecta „es ist leicht zu verstehen, wie du von der Katastrophe betroffen bist“.
Kleiner Exkurs zum modus gerundi
- Gerundiva galten in der Spätantike wie gesagt als Partizip Futur Passiv. Gerundia und Supina passen nicht dazu: sehen zwar aus wie Partizipien, sind aber leider keine.
- Donat, Ars Minor, mitten in seiner Flexionsübung ohne weitere Erklärung: gerendi uel participialia uerba sunt haec, legendi legendo legendum lectum lectu.
- Aus diesen sehr unspezifischen uerba wird dann teilweise ein modus gerundi, z. B. bei Servius, der meint, das können keine Partizipien sein, weil das letzte auf -u endet (lectu), was keine Partizipendung ist, und weil sie sowohl die Bedeutung eines Agens als auch eines Patiens haben (significationem habet tam agentis quam patientis) und nicht wie Partizipien entweder aktiv oder passiv sind.
- Servius im Wortlaut: etenim cum dicimus cantando, et agentis et patientis habet significationem, quod probatur teste Virgilio: nam ubi dicit «cantando tu illum», agentis significationem ostendit; ubi dicit «cantando rumpitur anguis», patientis.
- Warum es stattdessen ein Modus sein muss, wird nicht erklärt (zum Modus als Sammelbecken siehe Folgen zu Janas Diss).
- Diesen Modus greifen diverse andere Grammatiker auf, z. B. Diomedes.
- Der Begriff supina kam laut Diomedes von Probus, wohl für Gerundium + Supina.
Ein paar Beispiele
- Zur Notwendigkeit: sciendum est ist eher ein „übrigens“ oder ein „das gibt’s auch noch Wissenswertes“, während scire necesse est wirklich und nachdrücklich die Notwendigkeit ausdrückt.
- Ein Gerundivum kann auch mal unpersönlich verwendet werden (bitte nicht in den Stilklausuren): Verg. Aen. 11.229f.: alia arma Latinis / quaerenda, aut pacem Troiano ab rege petendum (und eben nicht petendam).
- Von einem Gerundium kann auch mal ein weiterer Genitiv abhängen (bitte nicht in den Stilklausuren), z. B. Lucr. 5.1124f.: ne quod ob admissum foede dictumue superbe / poenarum graue sit soluendi tempus adactum. Hier hängt an solvendi der Genetiv poenarum, wie an einem „normalen“ Nomen. Prosaischer wäre poenarum soluendarum oder poenas soluendi.
- Letzteres geht nicht nur unklassisch, sondern auch bei Cicero (trotzdem bitte nicht in der Stilklausur): Inv. 2.5: exemplorum eligendi potestas.
- Ein Beispiel, in dem Gerundium und Gerundivum nebeneinander stehen: Caes. Gall. 4.14.2: neque consilii habendi (Gerundivum) neque arma capiendi (Gerundium) spatio dato. Hier beim Gerundium arma capiendi die (stilistische) Tendenz, die „schweren“ Genitiv-Plural-Endungen zu vermeiden (das Gerundivum wäre ja das eher umständliche armorum capiendorum gewesen).
- Es gibt auch Beispiele, in denen bei einer ND-Form mit Objekt nach einer Präposition ein Gerundium gewählt wird (bitte auf gar keinen Fall in den Stilklausuren): Varro ling. 9.30: si analogia rerum dissimilitudines adsumat ad discernendum uocis uerbi figuras (und nicht ad discernendas … figuras).