Lateinische Verben

Tempus

People assume that time is a strict progression of cause to effect,
but actually, from a non-linear, non-subjective point of view –
it’s more like a big ball of wibbly-wobbly ... time-y wimey ... stuff.

Steven Moffat, Doctor Who Episode 3.10 „Blink“

 

Was ist Tempus?

  • Der grammatische Begriff Tempus markiert die Zeit, zu der eine Verbalhandlung stattfindet, traditionell aus Sicht des Sprechers.
  • Wie viele Tempora gibt es im Lateinischen? In den heutigen Grammatiken in der Regel sechs:
  • Präsens: die Gegenwart. Das, was zu dem Zeitpunkt passiert, zu dem der Satz gesprochen wird. Ein lat. Beispiel wäre von dem Verb laudare die 1. Person Sg Ind Präsens: laudo.
  • Imperfekt: gerne aus duratives oder andauerndes Vergangenheitstempus gelernt. Nicht deckungsgleich mit dem deutschen Präteritum. Lat. Beispiel: laudabam.
  • Perfekt: gerne als punktuelle oder abgeschlossene Vergangenheit gelernt. Nicht deckungsgleich mit dem deutschen Perfekt. Lat. Beispiel: laudaui.
  • Plusquamperfekt: die Vorvergangenheit, die vor einer anderen Handlung in der Vergangenheit passiert ist. Relativ deckungsgleich mit dem deutschen Plusquamperfekt. Lat. Beispiel: laudaueram.
  • Futur 1: das, was noch passieren wird. Im Lateinischen häufiger als am Deutschen, das für Zukünftiges oft Präsens nimmt. Lat. Beispiel: laudabo.
  • Futur 2: das, was vor einer anderen Handlung in der Zukunft passiert. Gibt es theoretisch auch im Deutschen („bis morgen werde ich das gemacht haben“), wird dort aber kaum verwendet. Lat. Beispiel: laudauero.
  • Randnotiz 1: In der spätantiken Grammatik gab es nur fünf Tempora. Für Donat & Co ist Futur 2 ein Konjunktiv Futur. Mehr dazu in unserer Folge zur Grammatik in der Spätantike.
  • Randnotiz 2: Bei Donat & Co sind alle Vergangenheitstempora praeteritum (vorübergegangen), also ist das Imperfekt ein praeteritum imperfectum.
  • Außerdem werden Tempora, z.B. beim RHH, auch in absolute und relative Tempora unterteilt. Absolute Tempora beziehen sich auf die Gegenwart der sprechenden Person, relative Tempora sind bezogen auf eine andere Handlung (vor allem Plusquamperfekt und Futur 2). Diese Einteilung ist ... fragwürdig.
  • Die absoluten Tempora sind dann noch unterteilt in Haupttempora (Präsens, Futur 1+2, präsentisches Perfekt) und Nebentempora (alle Vergangenheitstempora, also die anderen Perfekte, Imperfekt und Plusquamperfekt). Das wird als zentral für die c.t. (consecutio temporum) gesehen, also die Frage, welches Tempus in konjunktivischen Nebensätzen steht, weil Haupttempora die Hauptzeitenfolge nach sich ziehen und Nebentempora entsprechend die Nebentempora. 


Problemfall Perfekt

  • Perfekt ist dem Begriff nach das Abgeschlossene (perfectum) im Gegensatz zum nicht Abgeschlossenen (imperfectum). 
  • Das Perfekt hat in der trad. Grammatik mehrere Funktionen. Warum? Weil hier sprachgeschichtlich zweiTempora „zusammengefallen“ sind: Perfekt und Aorist (vgl. Altgriechisch, das noch beide Tempora hat).  
  • Nach RHH ergeben sich deswegen folgende (aus unserer Sicht nicht immer sinnvolle) Unterscheidungen:
  • präsentisches Perfekt, resultativ: Die Handlung ist in der Vergangenheit abgeschlossen und das Ergebnis besteht fort bis in die Gegenwart der sprechenden Person (vgl. griechisches Perfekt). Typisches Beispiel: noui, ich habe kennengelernt = ich weiß (gilt dann als Haupttempus, nicht als Vergangenheit).
  • Tempus der Erzählung (auch gerne narratives Perfekt): das Standard-Tempus fürs Erzählen, wo das Dt. das Präteritum setzen würde, für punktuelle Ereignisse (vgl. griechischer Aorist). Typisches Beispeil: ueni uidi uici, ich kam, ich sah, ich siegte. (Ist übrigens belegt, Suet. Iul. 37.2 und bei Sen. rhet. decl. 2.22.)
  • konstatierendes Perfekt: keine Erzählung, sondern vollendete Tatsache, die aus Sicht der sprechenden Person aus „schlechthin feststeht“ (RHH). Typisches Beispiel: recte fecisti, das hast du richtig gemacht. Im Gegensatz zum präsentischen Perfekt gilt das aber als Nebentempus.

 

Aspekt

  • Bei der Betrachtung der Tempora fällt auf, dass zwei unterschiedliche Stämme des Verbs verwendet werden. Einmal den Präsensstamm für Präsens (laudo), Imperfekt (laudabam) und Futur 1 (laudabo). Und dann der Perfektstamm mit dem -u- für Perfekt (laudaui), Plusquamperfekt (laudaueram) und Futur 2 (laudauero). Der Perfektstamm bedeutet immer etwas irgendwie Abgeschlossenes. Das liegt daran, dass im Stamm der Aspekt ausgedrückt („markiert“) wird. 
  • Was ist Aspekt? An und für sich Betrachtung – von aspicere, ist aber kein ursprünglich lateinischer Terminus, sondern kam aus frz. Russisch-Grammatiken [von russ. вид], weil Aspekt in slawischen Sprachen ein sehr prominenter (und für Lernende schwieriger) Faktor ist
  • Aspekt beantwortet die Frage, ob eine Verbalhandlung im Betrachtungszeitraum vollständig enthalten ist oder nicht. Das wird oft als abgeschlossen vs unabgeschlossen bezeichnet. Abgeschlossener, perfektiver Aspekt = Handlung ist komplett enthalten. Unabgeschlossener, imperfektiver Aspekt = Handlung ist nicht vollständig enthalten. Oder auch: Wird gerade eine Handlungsgrenze betont oder nicht?
  • Randnotiz: Auch das Deutsche kann Handlungsgrenzen ausdrücken, mit Adverbien oder Modalpartikeln (z.B. „noch“). 
  • Für das Lateinische bedeutet das: Wenn ich eine Handlungsgrenze betonen möchte, dann nehme ich den perfektiven Aspekt, der im Perfektstamm markiert ist. Das Perfekt laudauit hat seine Handlungsgrenze erreicht und das ist wichtig, z.B., weil mit diesem Lob alles gesagt war oder weil das Lob Konsequenzen hatte. Das Imperfekt laudabat betont hingegen keine Handlungsgrenze. Das könnte hier und da mal gefallen sein, dieses Lob, neben anderen Dingen, ohne konkretes Ende. Das Imperfekt wird deswegen gerne für die Hintergrundhandlung genutzt.


Tempus und Aspekt im Lateinischen

  • Wenn wir jetzt Aspekt im Stamm nehmen und wieder zu unseren sechs Tempora zurückgehen, dann haben wir eigentlich nur noch drei Zeitstufen, und jede davon hat einen imperfektiven Aspekt, ohne feste Handlungsgrenze (eigentlich auch ganz ohne Aspekt-Markierung), und einen perfektiven, mit Handlungsgrenze, die im Perfektstamm markiert ist. 

Präsens und Perfekt
Imperfekt und Plusquamperfekt
Futur 1 und Futur 2

  • Was sind das für Tempora? Schauen wir uns das an nach Touratier (Touratier, Christian: Lateinische Grammatik. Linguistische Einführung in die lateinische Sprache. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Bianca Liebermann. Darmstadt: WBG 2013).
  • Futur (1+2) ist „zu erwarten“, also das, was noch kommt. Imperfekt und Plusquamperfekt sind „nicht aktuell“, also (meistens) vergangen. (Warum es nicht nur „vergangen“ ist, erschließt sich noch in der Kombination mit Modus.) Weitere Bedeutungen wie das iterative (wiederholende) oder konative (versuchende) Imperfekt ergeben sich allein aus dem Kontext. 
  • Das traditionelle Präsens hat kein Tempusmorphem und ist für Touratier genau genommen gar kein Tempus. Es kann sich auf eine beliebige Zeit beziehen. Die Bedeutung ergibt sich aus dem Kontext. Das traditionelle Perfekt hat ebenfalls kein Tempusmorphem, sondern nur ein Aspektmorphem (weil es den Perfektstamm nutzt). Damit ist Perfekt eigentlich auch kein Tempus. Die Vergangenheitsbedeutung ergibt sich für Touratier aus dem Kontext aufgrund des Aspekts. Die Konsequenz? Präsens und Perfekt können sich auf jeden beliebigen Zeitpunkt beziehen.
  • Diese Flexibilität von Präsens und Perfekt erklärt zum Beispiel, warum gnomische (allgemein wahre) Aussagen im Präsens (manchmal im Perfekt) stehen. Oder warum Temporalsätze mit traditionell „absoluten“ Tempora in der Regel Präsens (bei nicht abgeschlossenen Handlungen wie dum „während“) oder  Perfekt (bei abgeschlossenen Handlungen wie postquam „nachdem“) stehen.
  • Das historische Präsens ist auch deswegen möglich. Die vielzitierte „Lebendigkeit“ ergibt sich aber daraus, dass es eben keine Handlungsgrenze betont und wir dadurch mittendrin sind. Zu beobachten: Steht das Highlight der Narrative im Präsens oder nicht doch eher der Hintergrund?

 

Beispiele aus der lateinischen Literatur

  • Präsens mit Zukunftsbedeutung (via Touratier): Ter. Eun. 338f: cras est mihi iudicium („Morgen habe ich einen Prozess.“) – bitte nicht für Stil merken.
  • Klassisches Futur 2: Cic. S. Rosc. 3: ego autem si omnia, quae dicenda sunt, libere dixero, nequaquam tamen similiter oratio mea exire atque in uolgus emanare poterit. („Wenn ich aber alles, was zu sagen ist, offen ausspreche, wird meine Rede trotzdem auf gar keinen Fall in vergleichbarer Art und Weise nach draußen dringen und sich im Volk verbreiten können.“)
  • Standard Imperfekt vs Perfekt (via Touratier): Cic. Manil. 35: ita tantum bellum, quo omnes gentes ac nationes premebantur, Cn. Pompeius extrema hieme adparauit, ineunte uere suscepit, media aestate confecit. („So hat Pompeius diesen großen Krieg, unter dessen Last alle Völker und Stämme litten, am Ende des Winters vorbereitet, mit Frühlingsbeginn angefangen, im Hochsommer beendet.“)
  • Noch mehr Standard Imperfekt vs Perfekt (via Touratier und RHH): Nep. Hann. 7.4: rex factus est; ut enim Romae consules, sic Karthagine quotannis annui bini reges creabantur. („Er wurde König - denn wie in Rom die Konsuln, wurden in Karthago jährlich zwei Könige für die Zeit eines Jahres gewählt.“)
  • Perfekt in Briefen, wo der Bezugspunkt beim Empfänger ist (via Touratier), mit einem Imperfekt als Hintergrund: Cic. Att. 5.17.1 hanc epistulam dictaui sedens in reda, cum in castra proficiscerer a quibus aberam biduum. („Diesen Brief habe ich diktiert, während ich in einem Reisewagen. saß, als ich ins Lager aufbrach, von dem ich zu diesem Zeitpunkt zwei Tage weg war.“)
  • Eins der brutalsten Perfekte, auch im RHH: Aen. 2.325f. (Panthus zu Aeneas): fuimus Troes, fuit Ilium et ingens / gloria Teucrorum … („Wir waren einmal Trojaner, Troja war einmal, und auch der übergroße Ruhm der Teucrer.“)
  • Sog. Gnomisches Perfekt (via Touratier): Verg. Georg. 1.47-48: illa seges demum uotis respondet auari / agricolae, bis quae solem, bis frigora sensit ... („Die Saat schließlich wird den Wünschen des gewinnorientierten Bauern entsprechen, die zweimal Sommersonne, zweimal Winterkälte erfahren hat.“)
  • Konatives Imperfekt aus dem Kontext: Liv. 22.49.5: inde dissipati omnes sunt, equosque ad fugam qui poterant repetebant („So verzogen sich alle, und diejenigen, die konnten, fingen ihre Pferde zur Flucht wieder ein.“)
  • Noch ein schöner Kontrast Imperfekt und Perfekt: Luc. 7.649-51: stetit aggere campi, / eminus unde omnis sparsas per Thessala rura / aspiceret clades, quae bello obstante latebant („Er stand auf einer Erhöhung am Schlachtfeld, von wo aus er aus unmittelbarer Nähe die Niederlage, verteilt über die Fläche Thessaliens, betrachten konnte; eine Niederlage, die noch, weil der Krieg im Weg stand, unsichtbar war.“)


to be continued ...