Partizipien

Allgemeines

  • Partizip von particeps, „teilhaftig“, weil es Anteil hat am Verb (wird von Verben gebildet, hat Diathese und Tempus bzw. Aspekt, kann Objekte zu sich nehmen) und am Nomen (wird dekliniert, steht in Kasus-Numerus-Genus-Kongruenz mit einem Bezugswort). 
  • In der spätantiken Grammatik war das Partizip eine eigene Wortart (dafür gab es kein Adjektiv extra).
  • Standardmäßig gibt es in der heutigen Grammatik drei Partizipien: PPP (Partizip Perfekt Passiv), PPA (Partizip Präsens Aktiv) und PFA (Partizip Futur Passiv). Je nach Grammatik kann es ein viertes geben, das Partizip Perfekt Futur (= Gerundivum).
  • Zentral ist also die Diathese (aktiv oder passiv) und das Zeitverhältnis, also wann die Handlung im Partizip im Verhältnis zum eigentlichen Satz passiert: vorzeitig (Perfekt), gleichzeitig (Präsens) oder nachzeitig (Futur). 
  • Beim Zeitverhältnis geht es eigentlich um Aspekt: Ist die Handlungsgrenze erreicht (Perfekt), ist die Handlungsgrenze nicht wichtig (Präsens) oder passiert die Handlung erst noch (Futur)?


Die drei Partizipien

Partizip Präsens Aktiv (PFA)

  • Wird vom Präsensstamm gebildet, markiert also keine Handlungsgrenze. Die Handlung des Partizips dauert während der Haupthandlung im Satz an („gleichzeitig“). 
  • Im Nom Sg -ns, Genitiv -ntis, 3. Deklination, also laudans, laudantis, etc.
  • Lobend lese ich: laudans lego. (= ich lese etwas und lobe es währenddessen, ohne dass genauer spezifiziert wird, ob ich gleich auf der ersten  Seite damit angefangen habe und wie lange ich noch weiterloben werde, gerade mache ich jedenfalls beides, lesen und loben.)
  • Wichtig: Es gibt auch laudans legi / legebam (lobend las ich). Auch hier: Handlung des Partizips ist nicht abgeschlossen im Verhältnis zur Haupthandlung.


Partizip Perfekt Passiv (PPP)

  • Wird vom Perfektstamm gebildet, markiert also die Handlungsgrenze, d.h. die Handlung im Partizip ist bereits abgeschlossen im Verhältnis zur Haupthandlung („vorzeitig“).
  • Gebildet auf -tus/-sus nach a/o-Deklination, also laudatus etc. 
  • Gerne unregelmäßig, z. B. ferre fero tuli latum.
  • Ich lobe das gelesene Buch: librum lectum laudo. (= das Buch habe ich bereits gelesen und nachdem ich es durchgelesen habe, lobe ich es nun.)
  • Es gibt quasi erstarrte Wendungen, in denen das PPP laut Grammatik als gleichzeitig aufgefasst wird, z. B. ratus, in der Meinung.

Partizip Futur Aktiv (PFA)

  • Wird auch vom Perfektstamm gebildet und markiert, dass das, was im Partizip steht, erst noch passieren wird („nachzeitig“). Das ist dann tatsächlich Tempus, nicht Aspekt.
  • Gebildet vom PPP mit Infix -ur-, laudatus wird zu laudaturus.
  • Im Begriff, zu lesen, freue ich mich: lecturus gaudeo (= ich freue mich gerade, weil ich gleich lesen werde, aber ich lese eben (noch) nicht).
  • Es gibt Verben, die kein PPP haben, aber ein PFA, z.B. floriturus von florere (blühen) oder natürlich futurus von esse (sein). 

 

Verwendung des Partizips im Lateinischen

Anmerkung: Die Übergänge sind oft fließend.

Partizip als Adjektiv/Substantiv

  • Partizipien können wie Nomina verwendet werden, z. B. diligens (sorgfältig) oder doctus (der Gelehrte). 
  • Gerade das PPA steht dabei, wenn eine dauerhafte Eigenschaft beschrieben wird, mit Genitiv statt mit einem Objekt nach der Verbvalenz (z. B. laboris fugiens „arbeitsscheu“, Adjektiv als Eigenschaft vs. laborem fugiens, Partizip mit Objekt [fugere +Akk] „eine Mühe fliehend“, konkrete Situation).

Attributives Partizip

  • Wie ein Adjektiv kann das Partizip attributiv sein, d. h. sein Bezugswort näher beschreiben: das gelesene Buch: liber lectus.
  • Der Partizipialausdruck kann auch erweitert werden (für Stil wichtig: auf geschlossene Wortstellung achten!): das gestern von mir gelesene Buch: liber heri a me lectus.

Partizip als Prädikatsnomen

  • Das PPA + esse kommt v.a. bei adjektivischen Partizipien vor (s.o.): Sie ist sorgfältig: diligens est.
  • Das PPP + esse dient auch als Passivform des Perfekts, Plusquamperfekts und Futur II: Das Buch ist / war gelesen worden: liber lectus est / erat / erit.
  • Das PFA + esse (sog. coniugatio periphrastica) dient der Beschreibung einer unmittelbar bevorstehenden oder beabsichtigten Handlung: Er ist im Begriff, zu lesen: lecturus est.
  • Die coniugatio periphrastica tritt immer dann auf, wenn man eigentlich eine Futur-Form bräuchte, aber leider keine hat,  z. B. im Konjunktiv (in indirekten Fragen und quin-Sätzen) oder auch im Infinitiv (Infinitiv Futur Aktiv = PFA + esse). 

Accusativus cum participio (AcP)

  • Eine Alternative zum AcI v. a. bei Verben facere/inducere im Sinne von „darstellen lassen“, wobei der Fokus hier auf der Wahrnehmung der verlaufenden Handlung liegt. (Deswegen auch grundsätzlich mit PPA.) Selten.
  • Der Unterschied zwischen nauem cursum tenere (AcI) bzw. tenentem (AcP) uideo ist eine Nuance; das Partizip tenentem betont den Verlauf der stattfindenden Handlung. Denkbar wäre für AcP auch „Ich schaue dabei zu, wie es dabei ist = sich müht, den Kurs zu halten“.

Participium coniunctum (P.c.)

  • Das P.c. funktioniert von der Konstruktion her wie das attributive Partizip, also ein (oft erweiterter) Partizipialausdruck. 
  • Dieser Ausdruck beschreibt v. a. nähere Umstände und dient damit als Alternative zu allen möglichen Nebensätzen, v. a. Temporal-, aber auch Kausalsätze und Relativsätze. Beim PFA auch mal Finalsätze. 
  • Es braucht stets ein Bezugswort im Rest-Satz, an das es angebunden werden kann (coniunctum), und mit dem es in KNG übereinstimmtWährend Marcus spazieren ging, sah er Caesar: Marcus ambulans Caesarem uidit.
  • Hier gilt es auch immer zu fragen (s.o.):
  • ob das gewählte Partizip wirklich das heißt, was es heißen soll, v. a. mit Blick auf Zeitverhältnis und Diathese (Aktiv/Passiv/Deponens!).
  • Wenn es kein Verb mit Partizip in der gewünschten Zeitstufen-Diathese-Kombination gibt, muss ein Nebensatz gebildet werden.

Kleines Beispiel für korrekte P.c.-Bildung 

  • Während die Seemänner nach Griechenland segelten, wurden sie von einem Sturm zurückgehalten. Segeln WÄHREND des Zurückhaltens -> gleichzeitig, und die Seemänner segeln AKTIV -> PPA geht: nautae in Graeciam nauigantes tempestate retenti sunt.
  • Die Seemänner, die im Begriff waren, nach Griechenland zu segen, wurden von einem Stum zurückgehalten. Segeln NACH Zurückhalten, soll erst noch passieren, aktuell aber noch nicht, weil sie zurückgehalten werden -> nachzeitig, und die Seemänner segeln auch hier AKTIV -> PFA geht: nautae in Graeciam nauigaturi tempestate retenti sunt.
  • Nachdem die Männer nach Griechenland gesegelt waren, freuten sie sich. Segeln VOR dem Freuen, das Segeln hat bereits seine Handlungsgrenze erreicht und ist abgeschlossen -> vorzeitig, aber die Seemänner sind ja AKTIV gesegelt, d. h. ein PPP von nauigare geht NICHT.
  • Möglichkeit A: anderes Verb nehmen, also ein Deponens, uehi: nautae in Graeciam uecti gaudebant.
  • Möglichkeit B: Nebensatz bilden: nautae postquam in Graeciam nauigauerunt gaudebant.
  • Mit dem Partizip spart man sich alle möglichen Probleme, z. B. die Frage, welches Tempus/welcher Modus im Nebensatz stehen soll.

Der Ablativus absolutus

  • Der abl.abs. gibt ebenfalls nähere Umstände an, hat aber anders als das P.c. kein Bezugswort im restlichen Satz, sondern steht syntaktisch „losgelöst“ (absolutus): Während die Seemänner nach Griechenland segelten, kam Caesar in Rom an: nautis in Graeciam nauigantibus Caesar Romam peruenit.
  • Da es im Lateinischen kein PPA von esse gibt, haben wir auch einen sog. „nominalen abl.abs.“, in dem kein Partizip, sondern nur ein Prädikatsnomen steht: Als Cicero Konsul war / unter dem Konsulat des Cicero: Cicerone consule
  • Und das alles trotz des angeblichen Versuchs von Caesar höchstselbst, das PPA ens in Analogie zu potens von posse einzuführen; sagt zumindest Priscian [6. Jhdt. n. Chr., Konstantinopel, mit Donat der wohl wichtigste lat. Grammatiker überhaupt], GL 18: 239: quamuis Caesar non incongrue protulit ens a uerbo sum, es, quomodo a uerbo possum, potes: potens).

 

Ein paar Beispiele aus der Literatur

  • Nicht absolute Ablativi absoluti: 
  • Cic. Cael. 10: fuit assiduus mecum praetore me - eher ein Einschub.
  • Cic. Phil. 11.23: nemo erit qui credat te inuito prouinciam tibi esse decretam - ist fast eine stehende Wendung und hat mit der doppelten Anrede mehr rhet. Impact. 
  • Cic. Att 10.4.6 me libente mihi eripies hunc errorem - auch eine stehende Wendung.


  • Tibull 1.1.60f. Te teneam moriens deficiente manu. / Flebis et arsuro positum me, Delia, lecto, …
  • Lucan 1.2: iusque datum sceleri canimus.
  • Verg. Georg. 1.5-6: vos o clarissima mundi / lumina, labentem caelo quae ducitis annum.